Duftes Ding in Dulsberg

20170408_102226

Samstag bin ich gaaanz früh aufgestanden, um diverse Dinge zu erledigen. Gleich zuallererst hat es mich mit meiner besten Freundin im Rahmen eines 50er und 60er Flohmarkts zum Verein Petticoat und Nierentisch verschlagen. In einem denkmalgeschützten, 1951 wiederaufgebauten Backsteinhäuschen im bodenständigen Hamburg-Dulsberg hat der Verein seine Zelte aufgeschlagen und die Räumlichkeiten komplett wie ein Heim aus den Fünfzigerjahren eingerichtet. Wenn Du da mit Turnschuhen reinlatschst, was ich natürlich getan habe, fühlst Du dich gleich underdressed.

Der ehemalige Verkaufsraum ist ein wunderschönes Wohnzimmer, im hinteren Teil gibt es eine pastellfarbige Resopalküche (inkl. Handwaschmaschine mit Kurbel!) und ein stilechtes Frisier- und Ankleidezimmer für die Dame. Weiter wäre ich denn gar nicht gekommen, hätte mich nicht Vereinsmitglied Gerhard Dorn angesprochen, ein sehr freundlicher, kommunikativer Herr, ob wir denn die Kellerbar schon gesehen hätten.

Whaaat!?

Er zeigte uns sodann den mit Tikibar und diversen Original Sitzgelegenheiten bestückten Partyraum, den man mit kleinerer Gesellschaft auch für private Veranstaltungen bis 22 Uhr mieten kann. „Da wissen wir ja, wo ihr eure Hochzeit feiert! […] Falls das doch noch mal passiert!“ Ja. Vielleicht. ;)

20170408_103713

Die Ausstellungsräume sind jeden Freitag von 16 bis 19 Uhr und samstags von 12 bis 16 Uhr geöffnet (ja, die Mitglieder arbeiten halt!) und man kann gerne auf Kaffee und Kuchen vorbeikommen. Bei schönem Wetter wird das Kränzchen natürlich nach draußen verlagert. Unterm Sonnenschirm wird dann in Acapulco chairs am Kaffee genippt.

Eins noch: Herr Dorn erwähnte auch den alten Röhrenfernseher, den sie im Wohnzimmer stehen haben. Der funktioniert und auf dem werden tatsächlich Filme geguckt. Ich habe blöderweise nicht gefragt, ob sie das Ding aufgerüstet haben und DVDs ansehen oder  ob  das Fernsehprogramm nach passendem Filmmaterial durchforstet wird und man noch wirklich fernsieht. Ich glaub´ ja aus absolut nachvollziehbaren Gründen an die erste Möglichkeit…obwohl letzteres stilechter wäre… ;)

Lohnt sich und macht Spaß:
Petticoat und Nierentisch e. V.
Verein zum Erhalt der Kultur der 50er Jahre in Hamburg
Alter Teichweg 132
Hamburg Dulsberg

P.S. Flohmarkt war ja auch noch! Gestatten: mein Flohmarkt-Schnapper

20170408_144442

Psychedelic Prints

IMG_20170310_165028_708

Lithografien PiPaPop Poster (1968/69) von Lothar-Günther Buchheim, Museum Buchheim, Bernried, März 2017

Kunst am Millerntor

IMG_20160716_171205

Bereits zum 6. Mal findet die Millerntor Gallery statt, für mich war´s 2016 die Premiere: Vier Tage lang werden die Süd- und die Haupttribüne des Hamburger Millerntorstadions zum Schauplatz von Kunst, Kultur und Musik und das echt nicht zu knapp. So flitzten wir also gestern durch die ersten auf dem Heiliggeistfeld ankommenden Trucks des in Hamburg stattfindenden Schlagermoves schnurstracks zum Stadion, immer darauf bedacht, den schwankenden Gestalten mit den Schlaghosen und den orangefarbenen Minipliperücken auszuweichen.

Was fanden wir vor?

Kinderbespaßung? Check!
Street Art Workshops? Check!
Siebdruck, Tattoo, Photobox? Check!
Filme und Vorträge? Check!
Konzerte? Check!
Gastro? Sowieso! Mit Ginverkostung, die war nur leider zu früh am Tag für mich! ;)

Gute zweieinhalb Stunden schlenderten wir herum und haben uns alle Exponate angesehen, die selbstverständlich auch käuflich zu erwerben sind. Bis zu 70% der Erlöse fließen nämlich in das gemeinnützige Projekt Viva con Agua de Sankt Pauli e. V., um damit Wasserprojekte auf der ganzen Welt (guck mal HIER) zu unterstützen.

Sich Kunst anschaffen und damit eine gute Sache unterstützen, das ist doch ein famoses Ding! Und wer wie ich einen eher schmaleren Geldbeutel hat oder für den das Ausgestellte einfach nix ist, was man sich ins Wohnzimmer hängen möchte, der kann den Verein mit Einzelspenden unterstützen. Jeder Euro zählt! Damit unter Volldampf daran gearbeitet werden kann, allen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen!

Millerntorstadion

Also, wer auf der Ecke ist und Lust hat:

Millerntor Gallery
Millerntorstadion Hamburg, Eingang Südtribüne
Heiliggeistfeld
heute noch von 12.00 Uhr bis 20.00 Uhr (ganz ohne übriggebliebene Kleiner Feigling-Leichen des Schlagermoves, hoffe ich!)
Eintritt 7 €, ermäßigt 3 €, Kinder bis 12 Jahre Einritt frei

Es lohnt sich echt!

Kunst für alle!

20150724_120247
Das traf sich so was von gut!

Der Offspring und ich haben erst vor wenigen Wochen ausgiebig über Keith  Haring gesprochen und zwar im Zusammenhang mit LUNA LUNA, einem Jahrmarkt-Kunst-Projekt, das 1987 stattfand. Ich habe das Buch über die Entstehung noch hier, mit anderen Worten, ich fand es auch 1995 noch ziemlich gut, sodass es in einer Hamburg-Umzugskiste landete.

In München hat es dann auch nur eine Litfaßsäule mit Plakatwerbung gebraucht, um mich zu begeistern. Wann hat man schon die Möglichkeit so viele Haring-Originale auf einem Haufen zu sehen?!
Eben!

„Aber ich geh´ nur mit Dir hin, wenn wir nicht vor jedem Bild 10 Minuten stehen bleiben!“
„Keine Sorge, min Jung´, höchstens drei!“

In der Ausstellung finden sich viele Werke aus den Siebziger- und frühen Achzigerjahren und eine nicht kleine Menge seiner Subway Drawings, Kreidezeichnungen auf abgedeckten Werbetafeln aus der New Yorker U-Bahn, für die er alle naslang einkassiert wurde. Anhand der weichen Kreidestriche kann man erahnen, dass sich unzählige Schichten Papier unter der Malfläche befunden haben müssen; und dass davon überhaupt offiziell so viele erhalten sind und dann auch noch gerade in good old Bavaria abhängen, hätte ich nicht erwartet. Es zaubert einem doch immer wieder ein Lächeln ins Gesicht, dass da jemand nicht nur von ‚art is for everybody‘ gesprochen hat, sondern es auch noch mit wachsendem Erfolg genau so gehalten hat.

Als Teenie kam ich an Keith Haring nicht vorbei, genausowenig wie an Madonna. Ich hielt beide für extrem coole Säue, wenn ich das mal so salopp sagen darf, und beide habe ich nicht nur für ihr Schaffen, sondern auch für ihre eindeutige Haltung bestimmten Dingen gegenüber sehr bewundert. Auch die Ausstellung zeigt viele Werke, in denen Haring seine Einstellung zu sozialen und politischen Missständen zum Ausdruck bringt. Und obwohl man dort eine große Fülle an Informationen vorfindet, ist es doch keine Ausstellung, bei der man ‚ab Raum 8‘ irgendwie nur noch schnell hindurchwandert. Wenn Ihr also die Möglichkeit habt und in der Nähe seid, schnappt Euch Eure Nachkommen und Vorfahren (jahaaa, auch meine Mutter musste mit!) und bringt ihnen the one and only Keith Haring näher, denn einen anderen werden wir laut seiner eigenen Aussage nicht bekommen!

20150724_115111

bis 30. August 2015

Keith Haring – Gegen den Strich
Kunsthalle Hypo-Kulturstiftung
Theatinerstr. 8
80333 München

http://www.kunsthalle-muc.de/ausstellungen/details/keith-haring/

 

When I die there is nobody to take my place.
(Keith Haring)

Scham…

…und Ekel befällt mich, wenn ich an diese sehr gute, weil so erschütternde und aufrüttelnde Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe denke, die ich diese Woche mit Frau Nähzimmer besucht habe.

Fast Fashion befasst sich kritisch mit sämtlichen Aspekten der Mode- und Bekleidungsindustrie. Dabei geht´s um Mangel und Überfluss, globale Gewinnspannen und lokale Löhne, darum, was wir Menschen Tieren und anderen Menschen antun, um den mörderischen Einsatz von Pestiziden im konventionellen Baumwollanbau, um chemische Produktionsprozesse und darum, wie der Inhalt unseres Kleiderschranks aussehen könnte, würden wir auf Slow Fashion setzen. Nicht nur Ansätze wie Re- und Upcycling werden da erneut vorgestellt, sondern z. B. der des Zero Waste, also einer Produktionskette, in der so gut wie keine Textilabfälle anfallen.

20150407_105943 Kopie

Ja, weiß ich alles längst, denkt da so mancher, finde ich ja auch schlimm, habe aber trotzdem keinen Goldesel, um die Mehrkosten fair und nachhaltig produzierter Kleidung zu tragen, ein anderer. Ich glaube, viele von uns haben diesbezüglich bereits ein Gewissen entwickelt, aber beim Klamottenkauf tatsächlich Engel auf der linken und Teufel auf der rechten Schulter sitzen. Und stellt sich die Frage, kaufe ich das Shirt mit dem Fair Trade-Siegel oder genehmige ich mir für denselben Geldbetrag drei modisch geschnittene Oberteile einer konventionell produzierenden Bekleidungskette, siegt häufig der kleine Rote mit den Hörnern. Dabei darf man sich ruhig noch einmal vergegenwärtigen, dass auch viele große Marken-Labels, für deren Produkte wir viel Geld hinblättern, weder fair noch nachhaltig produzieren. Ich für meinen Teil bin echt angewidert, wenn ich mir vorstelle, dass sich für mein Kleidungsstück Arbeiter auf konventionellen Baumwollplantagen mit Pestiziden so vergiften, dass sie es nicht einmal lebend ins Krankenhaus schaffen, und Näherinnen zwar ohne Unterlass arbeiten, aber am Ende des Monats einen Lohn nach Hause tragen, der nur einen Bruchteil der monatlichen Ausgaben deckt.

Wer sowieso schon irgendwie fühlt, dass er zum endgültigen Umdenken und Handeln nur noch den allerletzten Schubs braucht, möge sich diese Ausstellung ansehen. Alle anderen selbstverständlich auch.
Im Netz geistert eine Typonachricht herum mit dem sinngemäßen Wortlaut: Erst bei Primark ein T-Shirt für 2,50 € kaufen und hinterher einen Café Latte für 6 € bei Starbucks trinken. Da grinsen wir alle immer wissend. Sagen: Ja, genau, wie bitter. Nach dem Besuch dieser Ausstellung grinst ihr nicht mehr. Da wollt ihr einfach hinmachen und handeln, damit sich etwas in die richtige Richtung bewegt.

Fast Fashion
20. März bis 20. September 2015
Museum für Kunst und Gewerbe
Steintorplatz
20099 Hamburg

P.S. Bitte überlegt euch gut, ob ihr das Filmmaterial ‚ab 18‘ in der abgeteilten Nische des Ausstellungsraumes ansehen wollt. Ich hatte Bedenken, hielt mich aber für eine hartgesottene Kettensägenmassaker-Maid. Die Maid hat nicht einmal drei Sekunden lang hinsehen können.

Ich mag euch nicht mit vielen Links zuballern, aber diese vier sind hilfreich, wenn man sich schnell einen Überblick verschaffen möchte:

– bei Fairtrade Deutschland findet ihr z. B. eine Produkt- und Produzentenliste fair gehandelter Waren
– bei Fairtrade Kleidung könnt ihr euch über Produzenten und Anbieter (Labels, OnlineShops, Baby- und Kleinkindkleidung) informieren
– bei rankabrand könnt ihr recherchieren, wie nachhaltig die Bekleidungsmarken wirtschaften, die ihr tragt
– im Bioverzeichnis findet ihr viele weiterführende Adressen sowie Bio- und Ökoinformationen