Carmen-Shirt auf die ganz einfache Tour

Carmen Shirt

 

Als ich noch im Textilfachhandel gearbeitet habe und meine Kolleginnen und ich wegen  neu eingetroffener Stoffe in Verzückung gerieten, fiel häufig der Satz: „Ich darf den gar nicht kaufen, erst, wenn ich dafür ein Projekt gefunden habe.“ Aber sehr oft haben wir uns nicht daran gehalten und man schnitt sich dann doch ein Stück ab unter den verständnisvollen Blicken der anderen.

Letzten Winter auf einem Markt lief es mal wieder genauso: Ich kaufte von meiner Kollegin Y. ein Stück Jersey der Größe 0,5 m x 1,50 m. Und ich wusste natürlich da auch erst nix damit anzufangen, fand ihn einfach nur unfassbar schrill. Tja, und die Gestaltungsmöglichkeiten für „Erwachsenenkleidung“ ist bei der geringen Stoffmenge ja auch eher begrenzt.
Dann kamen endlich die ersten warmen Tage und ich guckte mich im Netz nach einem Schnittmuster für ein Carmen-Shirt mit gerafftem Ausschnitt um. Ich fand im Ranking ziemlich weit oben eine Zeichnung einer Carmen-Bluse, für die es bei der Hobbyschneiderin auch eine Anleitung gibt. Nach der ich aber nicht nähen konnte, da ich nicht genug Stoff zur Verfügung hatte, um je ein Vorder- und Rückenteil mit angesetzten Ärmeln  zuzuschneiden. Mir kam jedoch durch die Zeichnung eine Idee: Ein horizontal gestrecktes  Sechseck als Vorder- und Rückenteil und ein Trapez als Ärmel. Alles gerade Linien, keine Rundungen. Ehrlich, mehr ist es nicht. Für das Schnittmuster Maß genommen habe ich folgendermaßen:

  • Taillenumfang halbiert plus 6 cm (hier ist die Nahtzugabe von 0,7 cm schon enthalten) = untere und obere Breite des „Vorder- und Rückenteil-Sechsecks“ (bei den Winkeln des Trapezes habe ich experimentiert und schließlich oben mit 120 Grad, unten mit 110 Grad angesetzt)
  • Oberkörperlänge gemessen von der Drosselgrube bis zur Taille plus 3 cm (davon untere Nahtzugabe 0,7 cm sowie 2,3 cm für den Tunnel am Halsausschnitt, durch den das Flachgummi gezogen wird = Länge des Vorder- und Rückenteils.
    CAVE: Dies gilt nur, wenn man ein Taillenbündchen von 5 cm Breite annähen möchte und das Shirt auf Taillenhöhe enden soll, also wenn man es zu Röcken und High Waist-Hosen tragen möchte. Ohne Bündchen, aber auf Taille gebracht würde ich 10 cm zugeben.
  • Oberarmumfang, damit ich das Gummiband für den Ärmeltunnel gut anpassen kann und es später beim Tragen nicht einschneidet; des Weiteren zum Oberarmumfang 4 cm dazu addieren, so erhält man die untere Breite des Ärmel-Trapezes. Wenn man nun zur unteren Breite 15 cm dazu addiert, erhält man die obere Breite des Ärmels. Die Ärmellänge habe ich abgeschätzt, indem ich am Vorderteil die Länge der kürzeren oberen Seite, an die die Ärmel genäht werden, abgemessen habe und dazu für die Kurzarmvariante 10 cm dazu addiert habe (8 cm Ärmellänge plus 2 cm zur Tunnelbildung).

Genäht wird entweder mit der Overlock oder auf der Haushaltsnähmaschine mit Zickzack- oder, wenn vorhanden, mit Overlock-Stich.

Carmenshirt Kopie

Nachdem ich die Ärmel an Vorder- und Rückenteil genäht hatte, bekam ich zugegebenermaßen Zweifel, ob ich da nicht doch einen Denkfehler drin habe: Das Gebilde sah aus wie ein U-Boot! Aber seit dem Einziehen des oberen Gummis geht es eindeutig als Carmen-Shirt durch!

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Für die Tunnel an Halsausschnitt und den Ärmeln habe ich 2 cm umgeklappt und mit einem Geradstich längs genäht. Die Wendeöffnung beträgt jeweils ca. 5 cm und eingezogen habe ich ein 0,5 cm starkes Flachgummi, mit 0,7 cm geht es aber bestimmt auch.
An der Gummibandlänge für den Halsausschnitt habe ich einfach herumprobiert, wie weit oder eng es mir selbst am besten gefällt, also grob verknotet und ins Kleidungsstück reingeschlüpft bis es mir gefiel. Das würde ich auch immer empfehlen, da Gummis oft sehr unterschiedlich dehnbar sind, eine Längenangabe gibt´s deshalb von mir nicht.

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Ich bin reichlich zufrieden mit dem Schnitt. Den nähe ich mir noch einmal unifarben oder meliert. Aber natürlich nur wenn mir der richtige Stoff übern Weg läuft. ;)

Material:

  • dehnbarer Stoff, am besten Jersey oder Interlock (Länge in der Abmessung des Vorder- und Rückenteils bzw. zzgl. der Ärmellänge, wenn man das Shirt aus einem Stoff nähen möchte, Stoffbreite muss mind. 1,40 m betragen)
  • Flachgummi zwischen 1,50 m und 2 m

 

Blaues Vintageblüschen aus Double Gauze

Ach, ich habe es schon wieder getan, weil ich mich in dem Schnitt so wohl fühle! Ich bilde mir ein, obwohl er so kastig aussieht, betont er angezogen durch die gut platzierten Abnäher auch die richtigen Stellen. :)

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Zum dritten Mal ist nach dem Schnittmuster Shirtbluse von Gretchen Hirsch aus dem fabelhaften Buch Rock´a`Bella eine Bluse entstanden.
Der Schnitt ist sehr schlicht und mächtig einfach zu nähen, das Ergebnis dabei aber indirekt proportional kleidsam zum Aufwand. Volle Punktzahl, besser geht es nicht! Nicht, dass ich nicht auch Nähherausforderungen lieben würde! ;)

Ich habe mich das erste Mal an Double Gauze versucht und dachte, es sei vielleicht ein bisschen tricky, weil der Stoff schon sehr flexibel ist. Ich wollte schließlich kein verzogenes Muster vernähen. Rückblickend war es tatsächlich einfach. Ich musste den Stoff zwar vor dem Zuschneiden gerade ziehen, aber das war´s dann auch schon, das Vernähen war kinderleicht.

Anders als bei meinen beiden anderen Shirtblusen habe ich bei Gr. 36 keinen seitlichen Reißverschluss eingenäht, da ich bemerkt habe, dass ich auch so ganz bequem hinein- und herausschlüpfen kann. Übrigens trage ich 38/40, Gerties Größen fallen häufig einen Tick größer aus. Wenn man es weiß und darauf achtet, kommt man mit dem Buch aber gut zurecht. Zur Not ausmessen! Sich selbst natürlich und dann den Größenschnitt! ;)

Zum Vergleich seht Ihr hier noch einmal alle drei Varianten: Links aus Viskose, in der Mitte aus mittelfester Baumwolle, rechts aus Double Gauze. Ich mag die natürlich alle gerne, aber für den Herbstübergang ist Double Gauze wohl die kuschelige Wahl für mich.

Tja, fehlt nur noch eine Wintervariante…umfunktioniert zum Pullunder aus Baumwollstrick vielleicht?!

Wagnis Bluse – Check!

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Ich habe irre lange gezögert mir eine „echte“ Bluse zu nähen, so mit Kragen und Knopfleiste. Um ehrlich zu sein, hat mich letztere so lange davon abgehalten, weil ich vor dem finalen Arbeitsschritt, dem Nähen der Knopflöcher, doch etwas mehr als Respekt hatte. Man sollte meinen, wer so viel an der Maschine sitzt wie ich, der denkt nicht mehr daran sich ein Kleidungsstück durch falsch platzierte oder zu große Knopflöcher zu verhunzen, aber genau so war´s bei mir.
Aber wie so oft: Einfach mal machen schafft Abhilfe und in diesem Fall auch, dass man vorher (wie es ja auch in fast jeder Nähanleitung empfohlen wird!) in einen Rest des Blusenstoffes ein bis zwei Probeknopflöcher näht.

Verknallt hatte ich  mich in den Blusenschnitt Mimi aus dem Buch ‚Liebe auf den ersten Stich‘ von Tilly Walnes, das ich nach wie vor für einen Titel mit sehr guten, weil ausführlichen Nähanleitungen halte.

Ein Sechzigerjahre-Schnitt erfordert selbstverständlich auch ein dementsprechend psychedelisches Muster und so wurde dieser famose dünne Baumwollstoff mit dem illustren Namen Lusine und der „verschobenen Punkteoptik“ für dieses Projekt verbraten.

Mit dem Ergebnis bin ich wirklich nicht unzufrieden  und auch wenn auf den Fotos meine Assistentin Renate die Bluse präsentiert (ach, ich hatte einfach keine Lust auf Spiegelfotos), so garantiere ich Euch, dass dieses Kleidungsstück von mir enorm viel getragen werden wird.

Ich wünsche Euch einen guten Tag und sage tschüs und bis denn dann, Ihr Seefrauen, Landgänger und Leichtmatrosen!

Gertie´s shirtblouse goes Ghana

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Auf den Markt letztes Wochenende habe ich mich so gefreut, dass ich mich sogar etwas herausputzen wollte, was ich sonst aus praktischen Gründen so gut wie nie mache.
Ich habe mich also am Einheitstag hingesetzt und mir aus meinem Lieblingsschnittmusterbuch Rock’a’Bella den Schnitt für die Shirtbluse zusammengebastelt, den traditionell gemusterten Stoff aus Ghana zugeschnitten, den ich mir auf der Nähmesse vor knapp zwei Wochen gekauft habe, und dann den ‚good ol´ boy‘, meine erste Nähmaschine (wir wohnen seit fast 26 Jahren zusammen), in die Küche getragen. Bis dahin Vintage as Vitage can. ;)

Um den Halsausschnitt zu verstärken, habe ich statt Verstärkungsstichen quick and dirty ein Nahtband innerhalb der Nahtzugabe aufgebügelt. Da bin ich dann schon praktisch veranlagt und bediene mich der modernen Helfer. Ansonsten habe ich mich aber komplett an die Anleitung gehalten. Nur fertignähen konnte ich das schöne Stück zunächst leider nicht, denn ich hatte für die Belege keine Vlieseline im Haus, sodass ich sonntags auf ein alternatives Outfit ausgewichen bin.

Nun ist sie fertig und ich finde, dass der Stoff  von True Fabrics gut mit dem Schnitt harmoniert und da die Bluse nicht knalleng sitzt, kann ich sie auch im Winter mit einem Langarmshirt drunter tragen.
Was meint Ihr? Zu schrill oder genau richtig?
Und um ehrlich zu sein: Auf dem Wohnzimmerstuhl liegt schon der nächste, etwas konventionellere Stoff für die zweite Shirtbluse.  Zeig ich Euch dann!