Ein E. für E.

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Eine neue Miss hat sich für die kommenden Tage angekündigt und ich habe von Tante, Cousine und Cousin in spe den Auftrag erhalten ihr eine Spieluhr aus einem alten Graziela-Kissenbezug zu nähen, der schon lange in dieser Familie in Betrieb gewesen ist.
Am Graziela-Design sind wir Kinder der Siebzigerjahre wohl alle nicht ganz vorbeigekommen, sehr fein, einen solch orginalen Stoff mit Familienhistorie verarbeiten zu dürfen! Und dann auch noch so ein Service: Zusätzlich zum Bezug bekam ich eine hochkopierte Vorlage vom buntkarierten Elefanten Elmar zum Modifizieren, eine Spieluhr, die Brahms´ Wiegenlied spielt, sowie ein Stickgarn in Hellgrau mitgeliefert, denn E.s Herzens-Elmar soll auch Augen bekommen.

20150526_101725Elmar von David McKee galt nur als grobe Vorlage, also habe ich hier und da eine Kante weggenommen und auch mal eine Rundung hinzugefügt. Der Rüssel bekam zusätzlich noch einmal eine Nahtzugabe von 0,7 cm, damit er nach dem Ausstopfen nicht zu dünn wirkt.

Über die Spieluhr war ich ein bisschen verwundert, denn sie hatte keine Aufhängung und ich war immer davon ausgegangen, dass man selbige im Inneren an der Aufhängekordel, die außen zu sehen ist, verankert. Das geht aber auch ohne ganz gut, sofern man die Spieluhr von allen Seiten schön mit Füllwatte polstert.
Habt Ihr da Erfahrung? Würde mich sehr interessieren!

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Wer´s selber einmal ausprobieren will, es ist echt keine Zauberei:

1. Such´ Dir eine geeignete Vorlage für eine Spieluhr und passe diese inklusive Nahtzugaben für ein Schnittmuster an. Versuche dabei plastisch bzw. in 3D zu denken, sonst werden viele Teile etwas zu dünn bzw. mickrig nachdem sie gefüllt wurden!

2. Schneide nun das Schnittmuster zweimal aus.
Falls Du keine weiteren Schnittteile hast, überspringe Punkt 3 und mache bei 4. weiter!

3. Bei E.s Elefanten habe ich auch die Ohren im Stoffbruch zugeschnitten (Nahtzugabe nicht vergessen, ich habe 0,7 cm gewählt!) und auf die linken Ohrenseiten Vlieseline H630 gebügelt, um die Ohren plastischer erscheinen zu lassen. Sodann habe ich die Ohren rechts auf rechts mit 0,7 cm abgesteppt, jeweils am Anfang und am Ende verriegelt und eine Wendeöffnung von ca. 4 cm gelassen. Ohren gewendet, gebügelt und die Öffnung verschlossen sowie die weiteren Seiten  knappkantig mit 3 mm Abstand zur Stoffkante abgesteppt und verriegelt.
Nun können die Ohren auf die Seitenteile aufgenäht werden.

4. Falls gewünscht, sticke nun mit Stickgarn die Augen (Nase, Mund, etc.) auf die Seitenteile.

5. Nimm nun die Kordel und nähe die beiden Enden mit einem Zickzackstich (mehrfach) zusammen.

6. Lege die Seitenteile rechts auf rechts und fixiere sie mit ein paar Stecknadeln. Lege am Scheitelpunkt der Zuschnitte die Baumwollkordel mit der Schlaufe nach innen zwischen die beiden Seitenteile und fixiere sie ebenfalls mit einer Stecknadel. Das Ende der Kordel ca. 1 cm herausstehen lassen.
Jetzt steppst Du einmal rundherum. Dabei nähst Du mehrfach über die Baumwollkordel, um diese zu fixieren. An der Unterseite lässt Du eine Wedenöffnung stehen, die so groß ist, dass das Spielwerk hindurchpasst. Am Anfang und Ende der Naht das Verriegeln nicht vergessen, sodann die Nahtzugabe auf 3 mm zurückschneiden, wenden, ausformen (z. B. mit Pinselenden) und bügeln. Hier könnt Ihr Euch übrigens ansehen, wie man die Nahtzugaben bei Ecken und Rundungen händelt.

6. Die Spieluhr mit Füllwatte ausstopfen, wenn nötig, wieder ein Stäbchen oder einen Pinsel benutzen, um schwierige Stellen zu füllen. Wenn die Spieluhr prall gefüllt ist, drücke mittig eine Mulde in die Füllung und setze über die wendeöffnung das Spielwerk ein. Das Ende des Zugbands bleibt außerhalb der Füllung.

7. Nun wird´s noch einmal etwas knifflig: Du darfst nun die Wendeöffnung am besten mit einem Matratzenstich zunähen. Achte dabei darauf, dass Du nicht aus Versehen die Zugschnur mit einnähst, sondern lasse links und rechts von der Zugschnur eine Öffnung von insgesamt ca. 3 mm stehen. Verstärke die Abschlüsse rechts und links von der Zugschnur mit eine paar Stichen auf derselben Stelle, um die Naht dort stabiler zu machen.

8. Fertig, kann losgehen! :)
Und die Spieluhr ist sogar für Handwäsche geeignet!

Material:
Upcycling-Baumwolle (hier alter Kissenbezug byGraziela)
Spielwerk für Spieluhren (hier Wiegenlied von Brahms), ca. 8,50 € im Fachhandel
Füllwatte, etwas Stickgarn, eine ca. 25 cm lange Baumwollkordel, Vlieseline H630 (zur Polsterung der Ohren)

Die Welt hat ein wildes Herz!

20150327_164542 - KopieIf you´re truly wild at heart
you´ll fight for your dreams.

The good witch, Wild at heart, USA 1990

Vor einigen Wochen in München meinte se Pete plötzlich: Hast schon gemerkt, wer da gerade an Dir vorbeigegangen ist?! Ich, im Umdrehen begriffen, so: Nööö…oooh…Sail…Nicolas Cage! Ja, echt! In Thalkirchen! Die Dame hinter mir fragte auch gleich: Das war er, oder? Aber ja doch!

Ein Omen, oder?! Denn just Nicolas Cage spielt in dem Film eine Hauptrolle, um den es hier geht. Dieses Kleinprojekt hier ist meine Reminiszenz an den grandios bescheuerten, furchtbar brutalen, völlig überzogen romantischen Film Wild at heart. Und ich find´ ihn auch nach 25 Jahren immer noch wirklich ganz groß!

Ach, die Idee, die hatte ich schon länger, im letzten Herbst dann dachte ich: Nächsten Sommer machst Du das endlich! Die benötigten Materialien hatte ich seit Januar parat. Und nach vielen Stunden Arbeit darf ich jetzt endlich diese Worte sagen:

Koje presents
with at twinkle in the eye and a tickle in the heart

RUNAWAY-KIT SAILOR AND LULA

based upon the movie Wild at heart (David Lynch)

Für´s Abbhauen am Wochenende oder einfach so (genaugenommen waren Sailor und Lula ja auch nicht so lange unterwegs)!

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Für den Hobo SAILOR wurde Baumwolle mit einem Pythonprint verwendet. Da ich trotz viel Recherche keine Textilie mit haargenau dem Musterung von Sailors Schlangenlederjacke in Hellbraun ausfindig machen konnte, habe ich ein wenig improvisiert, man möge mir dies verzeihen. Die Farbe des Innenfutters findet sich in der äußeren Paspel in Mitternachtsblau wieder. SAILOR ist mit einem Karabiner, einer verschließbaren Innentasche fürs Telefon und einer großen Reißverschlusstasche auf der gesamten Breite der Tasche ausgestattet. Sie wird über eine äußere Lasche mit Magnetdruckknopf verschlossen.

LULA setzt sich aus einem Brillenetui und einer kleinen Reißverschlusstasche mit Handgelenksschlaufe zusammen. Für beide wurde ein dunkelblauer Baumwollstoff mit weißen Polka Dots passend zu Lulas Filmoutfit in den letzten Szenen gewählt. Das Bügeletui wurde zum Schutz der Brille mit Volumenvlies und Decovil I light ausgestattet und die Schlaufentasche mit Volumenvlies gepolstert sowie dunkelblauem gewachsten Leinen gefüttert.
Und auch wenn Lula sich im Film hauptsächlich die Zehennähel lackiert, darf ein Taschenspiegel nicht fehlen. :)

RUNAWAY-KIT SAILOR & LULA ist ein Einzelstück und ich fände es ganz großartig, wenn es bei einem wilden Herz ein Zuhause findet.

Der Plot des Films ist insbesondere für einen Lynch simpel und ich sage ohne rot zu werden, dass ich schon so manch anderen von ihm gesehen habe, den ich nicht im Mindesten verstanden habe.
Hier ist es denkbar einfach: Junge aus einfachen Verhältnissen liebt wohlhabendes Mädchen, die liebt zurück, doch die Mutter des Mädchens, eine alternde Südstaatenschreckschraube, billigt diese Verbindung nicht (nein, Leute, es ist auch bis dahin schon alles andere als eine Teenie-Klamotte!). Die beiden Liebenden brennen durch, denn Lulas Mum, die nervt nicht nur big time, die ist richtig gefährlich!
Lula muss wieder her und Sailor muss weg, deshalb schickt sie ihren aktuellen Liebhaber, einen Hänfling (so großartig: Harry Dean Stanton), und noch viel Schlimmere hinterher, um „das Kind“ zurückzuholen und Sailor zu beseitigen.

Diejenigen, die den Film kennen, wissen, dass Elvis-Fan Sailor nicht jedem x-beliebigen Gschpusi Love me tender vorsingt, sondern nur derjenigen, die er zu seiner Frau machen möchte. Und deshalb in Erinnerung an die gute alte Zeit hier noch einmal Sailor und Lula.

Now listen:

So. Muss jetzt Naseputzen und Wimperntuscheausbessern gehen, deshalb sage ich tschüs und bis denn dann, Ihr Seefrauen, Leichtmatrosen und Landgänger!

Material:
Baumwolle mit und ohne leichtem/n Stretchanteil, Volumenvlies, Decovil I light, Magnetdruckknopf, Metallkarabiner, Metallbügel in Messingoptik, Reißverschlüsse, Taschengriffe aus Kunstleder, Upcycling-Leder zur Verstärkung der Taschengriffe auf der linken Textilseite, Taschenspiegel-Rohling aus Metall.

Design Taschenspiegel: Tina/Zwölfte Koje links

Preis: 99 €
erhältlich bei Frau Lux

It´s good to be alive

Turbulente Tage liegen hinter mir mit Lokführerstreik, nichsdestotrotz einer Reise, wenn auch einer sehr verkürzten, nach München, der Herbstproduktion und Uromis 91. Geburtstag, den wir drei aus der Koje knallermäßig mit zwei ihrer Freundinnen, die auch nicht mehr gerade als jugendlich gelten, gefeiert haben. Und natürlich Markt, von dem ich völlig geflasht zurückgekehrt bin. Das hielt auch bis Montag Mittag an, dann war von der einen zur anderen Sekunde der Akku leer. Da half nur noch Power Napping ;).

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Abends ging es dann los mit meinem Belohnungs-Programmn, nämlich der fantastischen Imelda May in der Hamburger Markthalle, ein wilder Ritt ohne nennenswerte Verschnaufpausen, aber auch eine Vitaminspritze mit sofortiger Wirkung.
Bin nun fast wieder vollständig hergestellt, habe bereits das Stulpenlager wieder aufgefüllt und mich noch ein weiteres Mal belohnt, indem ich diese feine weinrote Kunstleder-Clutch mit Anker-Appli genäht habe. Ein Liebhaberstück, in dem noch einmal ne Extraportion Spaß an der Sache drinsteckt. Ich behalte die Rote natürlich nicht, die könnt Ihr koofen, wenn sie Euch gefällt. ;)

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Elvis neben Lotto King Karl

Ich wollte eigentlich gestern ganz woanders hin, aber dann bin ich im tiefsten Kiez HIER in einem der immer weniger werdenden Hamburger Originale gelandet.

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Old Fashion Wizard Juke Box
Holsten-Schwemme, Hamburg

Der Wizard spielte einen wilden Mix aus Seemannsliedgut und Elvis und konnte auch mit Bravo Hits 1996 aufwarten (No diggity…). Ich hab´s geliebt und im übrigen Jever statt Holsten getrunken. :)

Floating in a most peculiar way*

*Space Oddity, 1969

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My first Bowie record: Hülle abgegriffen, Platte unzerkratzt

Es hat mir keine Ruhe gelassen. Und da Berlin schließlich nur anderhalb Zugstunden von Hamburg entfernt ist und ich mit Bahncard und Sparpreis da letztendlich doch günstig hingekommen bin, habe ich das einfach gemacht. Mit Nudelsalat und Äpfeln im Gepäck und großer Vorfreude im Herzen.

Ihr müsst wissen, dass David Bowie der Held meiner späten Jugend ist. Und ne internationale Ausstellung über sein Schaffen, die dann irgendwie doch fast um die Ecke haltmacht, kann ich mir da nicht entgehen lassen. No, sir.

Ich hatte mir ein Online-Ticket geholt mit – Achtung – Einlasszeit. Fand ich erst befremdlich, aber macht Sinn, fand ich hinterher. Außerdem musste ich nicht in der Schlange warten, denn ich hatte ja mein Zeitfenster, in dem ich durchgewunken wurde. Fing gut an.

Ausgerüstet mit Audiosystem und Kopfhörer – „Nur aufsetzen, Sie müssen nix machen, habe alles eingestellt für Sie“ – enterte ich den ersten Ausstellungsraum. Und war für mehrere Stunden in einem überwältigenden, spektakulären Paralleluniversum. Wham bam, thank you, Ma´am!

Ich kann gar nicht gut beschreiben, was die Mischung aus Fotos, Texten, Kostümen, Gemälden, Musik, Interviews und O-Tönen mit mir machte. Das Konzept aus physischen Ausstellungsstücken, Audio und Video ist in jedem Fall derart ausgeklügelt und läuft tatsächlich ohne Zutun des Besuchers, dass ich mich nach einer Weile völlig losgelöst vom Rest der Menge durch die Ausstellung bewegte (und es waren nicht wenige Menschen mit mir dort). Unfassbar. Ich bin zeitweilig mit Gänsehaut herumgelaufen, obwohl´s da drin ziemlich mollig gewesen ist.

Neu für mich war, dass Bowie seine Texte mit der sog. Cut up-Methode verfasst. Sätze und ganze Texte werden dabei in einzelne Wörter  oder zusammenhängende Ausdrücke zerschnitten und neu zusammengesetzt. Der Sinn bleibt erhalten, aber der Text wird völlig neu „abgemischt“.

Aus dem Raum mit Konzertmitschnitten, die auf drei der hohen Wände zum Teil gleichzeitig projiziert wurden, kam ich lange nicht hinaus. Je nachdem, wo im Raum ich mich befand, konnte ich dem dazugehörigen Ton zu den bewegten Bildern lauschen. Fast Konzertatmosphäre; aber nur fast. Zu diesem Zeitpunkt war ich allerdings schon so durch, dass ich mir manchmal nicht mehr sicher war, ob die anderen überhaupt noch dasselbe SEHEN wie ich. :)

Nach fast dreieinhalb Stunden stolperte ich aus dem Gropius Bau und David Bowies Kunstwelten. Ich musste mich tatsächlich erst einmal setzen. Und stellte fest, dass es bereits „Unterzweistundenzeit“ war, bis mein Zug zurück nach Hamburg ging.
In zwei Stunden kann man in Berlin echt keine großen Sprünge machen. Gern wäre ich noch zu Modulor gefahren, nicht eigentlich weit weg, aber dann hätte ich wohl ziemlich sicher meinen Zug verpasst ob all der tollen Materialien. :)

So bin ich dann einfach nur ein Stück weitergefahren, wo es ein bisschen gemütlicher war als am Potsdamer Platz, habe mir ein Eis gekauft, mich in die Sonne gesetzt und all die Eindrücke sacken lassen. Was für ein Tag. Und was für ein kreativer, cleverer Mann, der es seit fünfzig Jahren schafft, immer wieder neue Kunstfiguren zu erschaffen. Bei ihm möchte man Zuhause gern mal Mäuschen sein. Denn wie eine Headline im Martin Gropius Bau besagt:

DAVID BOWIE IS NOT DAVY JONES.

Definitiv nicht.

Aber immer noch der Held meiner Jugend.
Die Mauer ist längst weg, aber Heroes immer noch in meinem Ohr. Und zwar textsicher.

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Kontaktbogen Diamond Dogs, 1974

 

DAVID BOWIE

verlängert bis 24. August 2014

Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstraße 7
10963 Berlin
http://www.gropiusbau.de