Rezension ‚Ich lerne nähen: Taschen‘ (oder auch nicht)

Zanatta, ich lerne nähen. Taschen. Zanatta Grandamme

Ja, es war einmal wieder Zeit, um der Handarbeitsabteilung in der Bücherhalle  einen Besuch abzustatten. Ich habe da diesmal zwar nichts Brandneues entdeckt, aber ein Buch, das ich seit seinem Erscheinen im August letzten Jahres noch nicht in den Fingern hatte und zwar ‚Ich lerne nähen: Taschen‘ des Autorenteams Zanatta/Grandamme, über die ich auf die Schnelle jedoch nichts im Netz finden konnte.

Die maisgelbe Kelly Bag auf dem Cover sprach mich sofort an, sodass ich mir das Buch unmittelbar griff ohne es vorher großartig durchzublättern. Zuhause stellte ich dann fest, dass ich zusätzlich ca. ein Drittel der insgesamt 10 Taschenmodelle, die jeweils in zwei unterschiedlichen Varianten realisiert sind, ganz spannend finde. Das ist gar kein schlechter Durchschnitt! Die Modelle sind in vier Schwierigkeitsgrade (Anfänger, Niveau Intermédiaire, Fortgeschrittene und Könner) unterteilt.
Mein Favorit blieb aber das Covermodell!

Ich lerne nähen. Taschen Ansicht 1

Obwohl ich, wenn das Wort ‚Kelly Bag‘ fällt, sofort an edles Handtaschenmaterial wie zum Beispiel Lackleder denken muss, schwebte mir ein sommerlich-verspieltes Strand-Modell vor. Die Wahl fiel aus diesem Grund auf einen gestreiften Stoff, denn ich mir vor ca. fünf Jahren auf Mallorca gekauft habe.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ca. sechs Monate Spanischunterricht gehabt und kann mich erinnern, dass ich den gesamten Einkauf damals mit Hängen und Würgen auf Spanisch durchziehen konnte, weil der Verkäufer so unheimlich nett war, mein Gestammel zu ertragen und NICHT auf Deutsch geantwortet hat. Das rechne ich ihm auch heute noch hoch an!

Der damals gekaufte Stoff ist ein gestreifter Canvas in Braun, Beige, Türkis und Weiß, den ich mit einem Canvas in Türkis fürs Innenfutter kombiniert habe.
Ne Kellytasche braucht natürlich einigermaßen Stand, sodass der gesamte Korpus mit kaschiertem Schaumstoff in 5 mm Stärke unterfüttert wurde. Das Innenleben habe ich so gestaltet, wie ich das auch bei meinen eigenen Taschenschnitten handhabe, nämlich mit einer großen Reißverschlusstasche und einem Einsteckfach fürs Telefon. Und obwohl ich ja schon seit einigen Monaten ununterbrochen meine Vintage Schoolbag Leonabel trage, damit das getragene Gewicht geichmäßig auf beide Schultern verteilt ist, habe ich links und rechts zwei D-Ringe angebracht, damit ich einen Gurt einklinken kann, wenn ich die Tasche einmal umhängen möchte.

Nun kann ich in den allermeisten Fällen die Schnittteile einer solchen Standard-Tasche zusammennähen ohne dass ich auch nur ein einziges Mal vorher in die Anleitung schaue. Diesmal war das genauso, aber nach Beendigung der Tasche (deren Schnitt ich total toll finde, habe ich das schon erwähnt?!), befasste ich mich doch einmal etwas genauer mit dem Titel…und war echt erschüttert!

Ich habe selten ein Buch mit derart lückenhaften, irreführend oder unverständlich formulierten und zum Teil schlicht falschen Angaben in Händen gehalten. Der Untertitel ’20 Modelle Schritt für Schritt erklärt‘ – er ist eine glatte Lüge! Den meisten Taschenmodellen wird maximal eine Doppelseite mit karger Anleitung zugestanden. Von Schritt-für-Schritt-Anleitung kann da wirklich keine Rede sein!

Ich lerne nähen. Taschen Ansicht 2

Ich bleibe einmal bei der Anleitung meines genähten Modells: Diese befasst sich auf der ersten der zwei zugestandenen Seiten fast ausschließlich mit der Anbringung der Magnetschließen.  Davor und danach besteht sie aus Sätzen wie ‚Das Futter der Kelly Bag hat drei Fächer, davon eines mit Reißverschluss. Den Reißverschluss einnähen (Siehe Schritt-für-Schritt Einen Reißverschluss einnähen, S. 12).‘
Wie dieses Futter im Detail aussieht, wird nicht gezeigt, und wie man das Reißverschlussfach in diesem speziellen Fall im Futter zwischenfasst auch nicht. Für jemand, der erst mit dem Nähen beginnt, ist das absolut nicht nachvollziehbar.

Ja, selbstverständlich habe ich dann auch Seite 12 gelesen, die mit der Basisanleitung, wie man einen Reißverschluss einnäht. Dort wird dem Nähanfänger dann erklärt, dass er den Reißer ‚rechts auf rechts auf das Vorderteil legen‘ soll und im Anschluss das Innenfutter ‚rechts auf rechts darauflegen‘ soll. Fairerweise muss ich anmerken, dass dort eine Abbildung ist, mit der ein Anfänger nachvollziehen könnte, wie es eigentlich korrekt wäre. Aber trotzdem: So etwas kann doch nicht ernsthaft durch ne Schlusskorrektur gelangen und gedruckt werden!

Mir ist schon klar, dass das Schreiben von Anleitungen eine Kunst ist. Da muss man auch Bock drauf haben! Den Prozess der Optimierung konnte ich insbesondere bei meinen letzten beiden Schnittmustertestungen für die oben bereits erwähnte Leonabel und ein weiteres Handtaschenmodell verfolgen. Dem einen ist sofort alles sonnenklar, der zweite empfindet es als umständlich formuliert und der Dritte kann auch nach mehrmaligem Lesen nicht nachvollziehen, was gemeint ist.
Der springende Punkt ist, dass bei Anleitungen oder Nähbüchern, die schon auf dem Cover als anfängertauglich angepriesen werden, in punkto Näherfahrung auch nur der kleinste gemeinsame Nenner vorausgesetzt werden kann und das heißt für mich, die Anleitungen haben gefälligst ausführlich, verständlich und reich bebildert zu sein.
Säße ich in der Lizenzabteilung eines Handarbeitsverlags, hätte ich diesen sehr schlampig realisierten, ursprünglich französischsprachigen Titel nicht eingekauft!

Fazit: Nur für Fortgeschrittene, die nicht zwingend eine Anleitung brauchen! Dies Buch hätte konsequenterweise ein schönes Inspirationsbuch mit Schnittmusterbogen für Näherfahrene werden können, denn neben ein paar 0-8-15-Modellen findet man spannende Taschen mit sehr hübschen Details! Aber auch das hätte vorausgesetzt, dass wenigstens die Materialangaben zu 100 % korrekt gewesen wären. Nicht einmal das hat geklappt.

Blöd, wa?!
Leider Daumen runter.

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